Warum klassische Reitkunst auch für Freizeitreiter sinnvoll ist...

Reiten im Gelände_Unterricht-Rosenheim-Aying-Sauerlach-Miesbach-Ebersberg

Viele Reiter, die mir begegnen, denken bei klassischer Reitkunst zunächst an hohe Dressurlektionen, elegante Barockpferde oder Veranstaltungen in einer Hofreitschule. Doch die Prinzipien der klassischen Reitkunst sind keineswegs nur für barocke Pferdeprofis interessant. Im Gegenteil: gerade Freizeitreiter und ihre Pferde können enorm von dieser Reitweise profitieren.

Das Ziel ist nicht Perfektion, sondern Harmonie

Viele Freizeitreiter wünschen sich vor allem ein entspanntes, zuverlässiges Pferd, das gerne mitarbeitet. Genau hier setzt die klassische Reitkunst an. Durch systematisches Training werden Gleichgewicht, Losgelassenheit und Vertrauen gefördert – wichtige Grundlagen für jede Form des Reitens.

"Die Dressur ist für das Pferd da, nicht das Pferd für die Dressur"

Dieses berühmte Zitat von Bent Branderup verdeutlicht, dass das Ziel der Reiterei nicht die Lektionen an sich sind, sondern dass die richtig ausgewählten Übungen wie Seitengänge dem Pferd helfen, seinen Körper richtig zu entwickeln und aufzubauen. Klassische Reitkunst ist Krafttraining. Krafttraining ist zur Gesunderhaltung unseres Freizeitpartners bis ins hohe Alter dringend notwendig (für den Menschen bekannterweise ja auch) und kann nicht durch einfaches Ausdauertraining wie Longieren, Spazieren oder Ausreiten ersetzt werden.

Gesunderhaltendes Training für das Pferd

Pferde sind nicht dafür gebaut, einen Reiter zu tragen. Sie haben kein Schlüsselbein und der Brustkorb wird ohne geeignetes Aufbautraining der Rumpfmuskulatur absinken, sobald man ihn mit dem Reitergewicht belastet. Dazu kommt die ausgeprägte Schiefe vieler Pferde, die selbst ohne Reitergewicht schon zu Problemen führen kann. Deshalb ist es unsere Aufgabe, die Pferde durch gezielte Gymnastizierung dabei zu unterstützen, einen Reiter lange gesund tragen zu können. Die klassische Reitkunst bietet dafür einen durchdachten und jahrhundertelang erprobten roten Faden. Angepasst an die Besonderheiten des jeweiligen Pferdes gibt sie einen sicheren Rahmen, wie wir unsere Pferde gesund so trainieren können, dass sie auch durch das Reiten schöner werden und nicht verschleißen. Logisch aufeinander aufbauende Übungen verhindern Überlastung und führen das Pferd in Balance, sodass es überhaupt erst in der Lage ist, durchlässig auf feine Reiterhilfen zu reagieren.

Die klassische Reitkunst hilft dem Pferd dabei,

  • seine Muskulatur sinnvoll aufzubauen,
  • das Gleichgewicht zu verbessern,
  • den Rücken gesund zu nutzen,
  • seine Gliedmaßen nicht zu überlasten,
  • mental ausgeglichener zu werden
  • und langfristig körperlich fit zu bleiben.

Mehr Sicherheit und Vertrauen

Gerade für unsichere Reiter kann die klassische Reitkunst eine wertvolle Unterstützung sein. Wenn das Pferd besser ausbalanciert ist und der Reiter lernt, seinen Körper bewusst einzusetzen, entsteht häufig mehr Sicherheit im Sattel. Gleichzeitig wächst das Vertrauen zwischen Mensch und Pferd. Statt gegen Probleme anzukämpfen, wird gemeinsam an den Ursachen gearbeitet. Das Pferd wird von Anfang an so schonend ausgebildet, dass viele Probleme gar nicht erst entstehen.

Klassische Reitkunst im Alltag

Klassische Reitkunst bedeutet nicht, jeden Tag auf dem Dressurplatz zu trainieren. Ihre Prinzipien lassen sich auch beim Ausreiten und auch vom Boden integrieren. Respekt, Geduld und das Bemühen um eine feine Verständigung mit dem Pferd stehen dabei immer im Vordergrund.

Wichtig ist zu verstehen, welche Bewegungen wirklich gesund sind und wann verlangt werden können. Immer wieder sehe ich auf den Reitplätzen gut gemeinte Versuche, das Pferd zu gymnastizieren, die mehr schaden als nützen. Überstelltes Genick, verschobene Halsbasis, falscher Knick, abgesunkener Rumpf, drehende Beine, überbogene Pferde und rückständige Gliedmaßen. Fehlrotationen in der Wirbelsäule. Starke Seitwärtsbewegungen in überhöhtem Tempo bei abgenicktem Hals. Man denkt, man tut seinem Pferd etwas Gutes, oder man möchte es zu Gehorsam erziehen, aber man hat die Basis gesunder Bewegung vergessen. Selbst viele Pferdetrainer, die angeben klassisch zu arbeiten, werben mit Bildern von überstellten Pferden im Seitengang, rückständigen Vorderbeinen in der Piaffe oder fehlerhaften Diagnonalen in der Trabbewegung. Mythen wie das Pferd läuft immer gut, wenn es in die Spur der Vorderbeine tritt oder wenn die Nase tief ist, tragen dazu bei, dass es immer mehr Pferde gibt, die wegen Rücken, Sehnen, Bändern, Arthrosen und Verspannungen ausfallen. Ich achte daher darauf, zunächst das Auge zu schulen, wie gesunde Bewegung aussehen darf. Dann wird diese schrittweise an der Basis gefördert. Dann erst kommen ausgewählte Lektionen hinzu, wenn das Pferd für deren gesunde Ausführung bereit ist und davon profitiert. Dabei ist natürlich immer der Weg das Ziel.

    Fazit

    Die klassische Reitkunst ist weit mehr als eine Reitweise. Sie bietet einen Weg, Pferde gesund zu erhalten, die Kommunikation zu verbessern und eine vertrauensvolle Partnerschaft aufzubauen. Gerade für Freizeitreiter, die langfristig Freude am Reiten haben und ihrem Pferd etwas Gutes tun möchten, können die Prinzipien der klassischen Reitkunst eine wertvolle Bereicherung sein.