Trageschwäche und Trageerschöpfung beim Pferd - Ursachen, Symptome und Training

Pferd mit Trageschwäche - Reitunterricht Bad Aibling

Im Pferdealltag wird mir immer wieder bewusst, dass den meisten Reitern nicht auffällt, dass ihr Pferd nicht nur in der Bewegung, sondern auch bereits im Stand deutliche Auffälligkeiten zeigt. Es fällt erst dann auf, wenn das Pferd gar nicht mehr läuft und der Tierarzt Diagnosen wie Sehnenschaden, Kissing Spines, Hufrolle oder Arthrose verteilt hat. Häufig ging aber bereits eine jahrelange Fehlbelastung voraus und man könnte negative Entwicklungen im Voraus mit dem richtigen Managment und Training abfangen.

Wenn das Tragen schwerfällt

Pferde sind Lauftiere und nicht von Natur aus dafür geschaffen, das Gewicht eines Reiters zu tragen. Damit sie dies gesund und langfristig leisten können, benötigen sie eine gut entwickelte Muskulatur, Balance und Koordination.

Das Pferd hat kein Schlüsselbein und dementsprechend ist der Brustkorb mit den Vorderbeinen nicht knöchern verbunden. Was passiert in dem Moment, wo du dich oben drauf setzt? In vielen Fällen sackt der Brustkorb einfach nach unten ab. Kann das Pferd seinen Brustkorb zwischen den Schulterblättern nicht ausreichend anheben und stabilisieren, gerät es zunehmend auf die Vorhand. Der Rücken wird weniger tragfähig, die Bewegung verliert an Leichtigkeit und das Pferd beginnt häufig gewisse Ausweichstrategien zu entwickeln, die ihm langfristig schaden. Daher muss jedes Reitpferd lernen, den Reiter wirklich aktiv mit der richtigen Muskulatur zu "tragen" und nicht nur zu "ertragen".

Viele Pferde zeigen erste Anzeichen, die zunächst gar nicht mit einer Trageproblematik in Verbindung gebracht werden:

  • Stolpern
  • Schwierigkeiten bei Übergängen
  • Taktfehler
  • mangelnde Losgelassenheit
  • Probleme bei der Biegung
  • Eilen oder Schleichen
  • Verspannungen im Rücken- und Schulterbereich

Trageschwäche oder Trageerschöpfung?

Unter Trageschwäche versteht man eine unzureichende Fähigkeit des Pferdes, seinen Körper und das Reitergewicht stabil zu tragen. Von Trageerschöpfung sprechen viele Experten dagegen, wenn die tragenden Strukturen über einen längeren Zeitraum überlastet wurden und ihre Aufgabe nicht mehr ausreichend erfüllen können.

Manche Pferde haben bereits alle Anzeichen einer Trageerschöpfung als Jungpferd, obwohl sie noch nie geritten wurden. Sie können schon ihr eigenes Körpergewicht nicht tragen. So ging es mir auch mit meinem eigenen Pferd, welches bereits dreijährig extrem auffällig war und deutliche Verspannungen und Auffälligkeiten in der Bewegung zeigte.

Die Übergänge zwischen beiden Begriffen sind fließend und die Begriffe werden nicht immer einheitlich verwendet. Je mehr wir uns im Bereich der Trageerschöpfung befinden, desto auffälliger werden eindeutige Anzeichen.

Häufige körperliche Anzeichen

Vorderbeine stehen rückständig - Dabei stehen die Vorderbeine nicht senkrecht unter dem Pferd wie Säulen, sondern etwas weiter hinten. Das Pferd „hängt" gewissermaßen zwischen den Schulterblättern und kann den Brustkorb nicht optimal tragen.

Tiefer Brustkorb zwischen den Schulterblättern - Manche Pferde wirken, als würde der Widerrist zwischen den Schultern „einsinken". Die Vorhand erscheint schwer und belastet. Mit gutem Training kann sich der Widerrist heben und selbst ältere Pferde können noch "wachsen".

Wenig ausgeprägte Muskulatur hinter dem Schulterblatt - Der Bereich der Brustmuskulatur und der sogenannten Rumpfträger ist oft schwach entwickelt.

Unterhalsbildung - Viele Pferde kompensieren mangelnde Tragfähigkeit durch Spannung im Unterhals.

Schwach entwickelte Oberlinie - Dabei sieht man häufig einen durchhängenden Rücken, eine nach unten geformte Oberhalslinie oder auch einen Axthieb, also ein "Loch" vor dem Widerrist.

Durchhängender Bauch - Ein schwacher Rumpftrageapparat geht häufig mit einer schwachen Bauchmuskulatur einher.

Tabelle mit Kennzeichen der Trageschwäche von Ride2Connection in Bruckmühl

Wodurch entstehen Trageprobleme und was kann man dagegen tun?

Die Ursachen können vielfältig sein:

  • mangelnde Grundausbildung oder fehlende Gymnastizierung
  • ein unausgewogener Reitersitz oder zu schweres Reitergewicht
  • körperliche Einschränkungen und ungeeignete Bewegungsmuster
  • Erkrankungen, z.B. der Muskulatur (z.B. MIM/ PSSM) und Unfälle
  • Fehler in der Aufzucht als Jungpferd oder in der Haltung
  • ein nicht passender Sattel

Oft handelt es sich nicht um einen einzelnen Auslöser, sondern um das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Eine ursächliche Behandlung umfasst also zunächst eine tierärztliche oder anderweitige therapeutische Vorstellung, eine Optimierung der Haltungsbedingungen und dann ein Umdenken beim Training.

Die gute Nachricht: Trageschwäche ist in den meisten Fällen reversibel. Der Körper des Pferdes hat eine erstaunliche Regenerationsfähigkeit – wenn wir ihm die richtigen Bedingungen geben.

Die Rolle der klassischen Reitkunst

Ein Pferd, das gelernt hat, seinen Körper sinnvoll zu nutzen, kann Last deutlich leichter aufnehmen. Dabei geht es nicht darum, den Kopf in eine bestimmte Position zu bringen, sondern den gesamten Körper in eine bessere Balance zu führen.

Durch gezielte gymnastizierende Arbeit kann das Pferd lernen,

  • den Brustkorb anzuheben,
  • die Hinterhand aktiver einzusetzen,
  • den Rücken funktionell zu nutzen,
  • und sich insgesamt leichter und ausbalancierter zu bewegen.

Die klassische Reitweise kann dem Pferd dabei durch den systematischen Aufbau der Übungen helfen, richtig gefordert zu werden, ohne überfordert zu werden. Der Brustkorb kann sich durch gutes Training wieder anheben. Das sehe ich immer wieder im Alltag. Anstatt Symptome zu bekämpfen, wird Schritt für Schritt an den Grundlagen gearbeitet. Dadurch kann das Pferd lernen, seinen Körper ökonomischer und gesünder einzusetzen.

Fazit

Trageschwäche oder Trageerschöpfung sind keine Schicksale, sondern Hinweise darauf, dass das Pferd dringend Unterstützung benötigt. Der Aufbau von Tragfähigkeit benötigt Geduld statt schneller Lösungen. Es gibt unzählige "Behandlungsmöglichkeiten" für Pferde mit Trageschwäche und daraus resultierenden gesundheitlichen Problemen oder Widersetzlichkeiten. Viele werden sehr teuer vermarktet. Nach meiner Erfahrung sind manche mehr und manche weniger erfolgreich, die meisten nur kurzfristig.

Ich würde aus Überzeugung daher immer zunächst in ein grundsätzliches schrittweises Aufbautraining nach den Grundsätzen der klassischen Reitweise investieren, welches das Pferd in die Versammlung führt. Sowohl zur Vorbeugung als auch zur Behandlung. In schweren Fällen natürlich zunächst nur vom Boden und mit therapeutischer Unterstützung. Man kann damit viel Geld und Nerven sparen und seinem Pferd langfristig wirklich helfen. Es gibt ein schönes Zitat von Christin Krischke: "Vorne hoch und hinten runter macht die müden Pferde munter". Das kann ich nur bestätigen. So manch erschöpfter Trageschwächling ist durch die Arbeit in Versammlung (= vorne hoch und hinten runter) wieder so richtig aufgeblüht.

 

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