Bodenarbeit: Das Fundament für ein motiviertes und gesundes Reitpferd

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Du steigst auf und eigentlich sollte es ein schöner Ritt werden. Doch dein Pferd ist unaufmerksam, drängt über die Schulter, reagiert verzögert auf deine Hilfen oder wirkt angespannt und nervös. Du versuchst, das Problem im Sattel zu lösen, reitest mehr Übergänge, mehr Volten, konzentrierst dich noch stärker auf deine Hilfengebung – und trotzdem fühlt sich vieles mühsam an.

Kommt dir das bekannt vor?

Die Ursache solcher Herausforderungen liegt oft gar nicht im Reiten selbst. Häufig zeigen sich im Sattel nur die Symptome von Dingen, die dem Pferd noch nicht ausreichend erklärt wurden. Fehlende Aufmerksamkeit, Unsicherheit, mangelnde Balance oder Missverständnisse in der Kommunikation entstehen durch Lücken in der Ausbildung. Diese lassen sich wunderbar vom Boden beheben. Bodenarbeit ist nicht einfach nur eine Ergänzung zum Reittraining. Sie ist die Grundlage, auf der alles Weitere aufbaut. Denn dort entstehen Vertrauen, Respekt, Gelassenheit und die körperlichen Voraussetzungen, die später ein harmonisches Reiten überhaupt erst möglich machen.

Mir fällt immer wieder auf, dass viele Pferdebesitzer die Möglichkeiten, die sich am Boden bieten, nicht ausschöpfen. Die meisten Pferdebesitzer trainieren am Boden nur auf Ausdauer, beispielsweise mit Longenarbeit. Es ist aber genauso nötig, Kraft, Balance, Beweglichkeit, Koordination und Körpergefühl zu trainieren.

Ich unterteile die Bodenarbeit grob in zwei Bereiche, die beide gleich wichtig und nötig für die Grundausbildung eines Pferdes sind: Bodenarbeit zur Grunderziehung und Bodenarbeit zur Gymnastizierung.

Bodenarbeit zur Grunderziehung

Diese Phase kommt als erstes in der Ausbildung. Dabei geht es nicht um einen reinen Selbstzweck, sondern um die Herstellung von Sicherheit, die Erarbeitung einer grundlegenden Kommunikation und gegenseitiges Vertrauen. Ist das erreicht, lässt man die Übungen wieder weg oder integriert sie automatisch in den Alltag. Ich unterteile in Basis-Führtraining, Arbeit am Leitseil, Freiarbeit im Round Pen (oder im Picadero) und Desensibilisierung bzw. Angstbewältigung. Die jeweiligen Übungen helfen dem Menschen zu klären, wer in der Pferd-Mensch-Beziehung die Führungsrolle übernimmt. Der große Nachteil ist, dass hier biomechanisch korrekte und langfristig gesunderhaltende Bewegungen des Pferdes nicht berücksichtigt werden. Zu häufig ausgeführt können solche Übungen daher auch schädlich sein. Deswegen verwende ich sie nur anfänglich bei Jungpferden oder bei sehr unerzogenen oder sogar gefährlichen Pferden. Immer wieder sehe ich motivierte Pferdebesitzer, die jahrelang in bester Absicht solche Übungen wiederholen. Je nach Charakter des Pferdes hat man am Ende entweder ein Pferd, dass einem wie ein Hündchen folgt, aber leider langfristig kaputte Beine und Rückenschmerzen hat. Oder man hat ein Pferd, welches merkt, dass das Training seinem Körper nicht gut tut und sich immer mehr verweigert. Daher nutze ich solche Übungen nur wo sie notwendig sind und gehe dann parallel und später fast ausschließlich eher auf die Gymnastizierung des Pferdes ein.

Basis-Führtraining

Hier geht es um die Kontrolle des Pferdes am kurzen Führseil aus verschiedenen Führpositionen in Tempo und Richtung und insbesondere um die Wahrung deiner persönlichen Zone, sprich dass dir das Pferd nicht dauernd auf den Füßen steht.

Leitseilarbeit

In der Leitseilarbeit lernt dein Pferd, auf größere Distanz mit dem Menschen zu kommunizieren. Es entwickelt ein besseres Verständnis für Körpersprache und Signale und wird mental gefordert. Eine wichtige Rolle spielt zudem das sogenannte Ausweichtraining, bei dem dein Pferd lernt, sich von dir von seinem Platz bewegen zu lassen. Zudem muss es lernen, bei gewissen Signalen mit Nachgiebigkeit und nicht mit Gegenspannung zu reagieren.

Training im Round Pen

Die Arbeit im Round Pen (oder auch in einem viereckigen abgegrenzten Bereich) bietet die Möglichkeit, die Kommunikation in der Freiarbeit so zu verfeinern, dass dein Pferd dir gegenüber aufmerksamer und folgsamer wird. Die Frage "wer bewegt wen" kann auch mit Pferden geklärt werden, die am Strick (noch) nicht führbar sind. 

Desensibilisierung

Hier geht es um Angstbewältigung. Pferde begegnen im Alltag ständig neuen Reizen. Durch gezielte Desensibilisierung lernt das Fluchttier Pferd, auch in ungewohnten Situationen ruhig und ansprechbar zu bleiben.

Gymnastizierende Bodenarbeit

Neben der Erziehung spielt die körperliche Entwicklung des Pferdes eine entscheidende Rolle. Ein Pferd kann nur dann gesund und leistungsfähig bleiben, wenn es seinen Körper korrekt einsetzen kann. Die gymnastizierende Bodenarbeit hilft dabei, Muskulatur aufzubauen, Bewegungsabläufe zu verbessern und die Voraussetzungen für gesundes Reiten zu schaffen. Dabei ist die Versammlung das Endziel. Versammlung bedeutet, das Pferd bewegt sich ausbalanciert, tragfähig auf der Hinterhand mit angehobener Halsbasis und korrekter Nutzung der Wirbelsäule. Es entwickelt eine schöne runde Oberlinie. Endziel heißt aber nicht, dass man erst jahrelang anders arbeitet, sondern dass man von Anfang an mit gezielten Übungen darauf hinarbeitet und die Qualität der Versammlung über die Jahre immer weiter verfeinert. 

Klassische Handarbeit

Dies ist mein absoluter Favorit in der Pferdeausbildung vom Boden. Geschätzt würde ich sagen, dass 90 Prozent alle Freizeitreiter das enorme Potenzial, das die Handarbeit bieten kann, nicht nutzen. Nur hier kann ich dem Pferd optimal Zügel- und Schenkelhilfen erklären und so beim Ausbalancieren helfen, dass ungünstige Bewegungsmuster durchbrochen werden können. Viele Trainer trainieren nach dem Prinzip "form follows function". Das bedeutet, dass wenn man die richtigen Übungen z.B. an der Longe macht, das Pferd irgendwann selbst die optimal gesunde Haltung mit richtiger Stellung, Biegung, Hinterhandnutzung, Wirbelsäulenrotation usw. findet. Nach meiner Erfahrung muss man aber ziemlich viel Glück mit seinem Pferd haben, damit das funktioniert. Viele Pferde sind bereits durch ihr Exterieur eingeschränkt, haben sich durch Fehlstellungen, Unfälle oder ungünstige vorherige Ausbildung falsche Bewegungsmuster angewöhnt oder sind einfach bequem und vermeiden Muskelanstrengung. Mit der richtigen Handarbeit kann man solche Kandidaten optimal fördern. Dieses Trainingsprinzip nennt man "position before action". Bevor man eine entsprechende Bewegung vom Pferd verlangt bringt man ihm erst die richtige Haltung und Balance bei, die es dafür benötigt. Später kann man die erarbeiteten Lektionen häufig sehr unkompliziert ins Reiten mitnehmen.

Longenarbeit

Mit Longieren bin ich sehr vorsichtig. Es ist schwer, auf Distanz das Pferd in seiner Körperhaltung gut zu beeinflussen. Häufig endet Longieren eher als Schleudern im Kreis. Noch schlimmer: das Pferd wird ausgebunden oder mit diversen Hilfszügeln "in Form" gebracht. Häufig nimmt das Pferd dabei eine falsche Kopf-Hals-Haltung ein und entwickelt falsche Muskulatur. Eine günstige Kopf-Hals-Haltung entwickelt sich durch die richtige Ausbildung mit der Zeit automatisch. Hilfszügel kaschieren nur Symptome und beheben keine Ursachen. Daher wird in der klassischen Reitweise auf Ausbinder und Hilfszügel verzichtet. Ich nutze die Longenarbeit als Vorbereitung für die Doppellonge. Dabei werden alle möglichen Hufschlagfiguren longiert, nicht nur Zirkel. Klassisch wird am Kappzaum longiert, um das Pferdemaul zu schonen. Bei höher ausgebildeten Pferden oder welchen, die den Kappzaum absolut nicht mögen hat manchmal auch das Longieren mit Kopflonge am Trensenzaum gewisse Vorteile.

Doppellongenarbeit

Die Doppellonge erweitert die Möglichkeiten der Gymnastizierung erheblich. Sie erlaubt eine differenzierte Einwirkung auch mit einem äußeren Zügel. Stellung, Biegung, Übergänge, Seitengänge und die Entwicklung einer tragfähigen Haltung lassen sich hier hervorragend erarbeiten.

Koordinationstraining

Die Arbeit mit Stangen, Gassen, Pylonen, Matten und Cavaletti sowie andere koordinative Übungen fördern Körpergefühl, Trittsicherheit und Beweglichkeit. Das Pferd lernt, seine Beine bewusster zu setzen, sich besser auszubalancieren und seinen gesamten Körper effizienter einzusetzen. Dies verbessert nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern trägt auch zur Verletzungsprophylaxe bei. Auch hier unterschätzen die meisten Reiter die Möglichkeiten, die in dieser Arbeit liegen. Auch die Motivation deines Pferdes kannst du damit gut steigern.

Das Fundament für jede weitere Ausbildung

Ganz gleich, ob Freizeitpferd, Turnierpferd, Jungpferd, Westernpferd oder Dressurpferd – jede Ausbildung beginnt am Boden.

Die Grunderziehung vom Boden schafft Vertrauen, Respekt und Gelassenheit. Gymnastizierende Bodenarbeit entwickelt Kraft, Balance und Körperbewusstsein. Erst das Zusammenspiel beider Bereiche schafft die Voraussetzungen für harmonisches und gesundes Reiten. Der Fokus sollte dabei auf der Gymnastizierung liegen, sobald die Beziehung zwischen Pferd und Reiter geklärt ist.