"Du musst deinem Pferd zeigen, wer der Chef ist." Jahrzehntelang wurde uns vermittelt, dass Pferde eine starke Hand brauchen, klare Dominanz, Autorität und Durchsetzungsvermögen, damit sie "funktionieren". Immer wieder höre ich diese Aussage an verschiedensten Stellen und Ställen und sie rechtfertigt oft Gewalt gegenüber dem Pferd. Denn in der Herde prügeln sich die Pferde ja schließlich auch. Möchtest du, dass dich dein Pferd auch wie ein Pferd behandelt?
Was bedeutet Führung beim Pferd wirklich?
Pferde sind Fluchttiere. Ihr wichtigstes Bedürfnis ist Sicherheit. Deshalb suchen sie keinen Menschen, der sie kontrolliert oder dominiert. Sie orientieren sich an jemandem, der ruhig bleibt, verlässlich handelt und ihnen in schwierigen Situationen Orientierung gibt. In einer Pferdeherde übernimmt nicht automatisch das stärkste oder aggressivste Tier die Führung. Vielmehr orientieren sich Pferde an Individuen, die Ruhe ausstrahlen, Situationen gut einschätzen können und Sicherheit vermitteln. Führung ist dynamisch und abhängig von der jeweiligen Situation. Es gibt häufig keine klare Reihenfolge in der Rangordnung in jeder Situation.
Dazu kommt, dass wir selbst ja Menschen sind und keine Pferde. Und ich denke schon, dass unsere Pferde das merken. Natürlich können wir uns der Pferdesprache bedienen und das sollten wir auch für die anfänglichen Grundlagen der Kommunikation. Ich kann aber das Herdenverhalten nicht als vollständige Erklärung der Beziehungsgrundlage zwischen Mensch und Pferd heranziehen, denn erstens konkurriere ich mit meinem Pferd ja nicht wie in der Herde um Futter, Wasser und Fortpflanzungspartner. Zweitens verlange ich von meinem Pferd überwiegend Dinge, die es aus der Herde nicht kennt. Ich habe noch nie ein anderes Pferd gesehen, was meinem Pferd die Hufe anhebt, es mit Fliegenspray einsprüht oder sich oben drauf setzt zum Reiten. Selbst das Rückwärtsrichten, das häufig als Rangordnungsklärung genutzt wird, kommt in der Herde kaum vor. Normalerweise würde sich ein Pferd nach ein zwei Schritten rückwärts umdrehen und vorwärts vor seinem Konkurrenten flüchten. Zudem könnte es sich in der Herde unangenehmen Situationen generell einfach durch Weggehen entziehen.
Warum Dominanz in der Pferdewelt oft missverstanden wird
Der Begriff "Dominanz" wird im Pferdebereich häufig verwendet, um unerwünschtes Verhalten zu erklären.
"Dein Pferd testet dich."
"Es respektiert dich nicht."
"Du musst dich durchsetzen."
Doch viele Verhaltensweisen, die als Dominanz interpretiert werden, haben ganz andere Ursachen:
- Unsicherheit
- Stress oder Überforderung
- Schmerzen
- Missverständnisse in der Kommunikation
- Fehlende Orientierung
- Balance-Probleme
Ein Pferd, das nicht stehen bleibt, möchte dich nicht ärgern. Ein Pferd, das nicht am Traktor vorbeigeht, plant keine Machtergreifung. Es reagiert auf seine Umwelt und auf das, was es in diesem Moment wahrnimmt. Wenn wir jedes Verhalten als Machtkampf betrachten, übersehen wir oft die eigentliche Botschaft. Wer jedes Verhalten als Dominanzproblem interpretiert, übersieht oft die eigentliche Ursache. Wenn dein Pferd nicht tut, was es soll, handelt es nicht gegen dich. Es handelt in diesem Moment für sich.
Das bedeutet nicht, dass Pferde keine Grenzen brauchen. Im Gegenteil. Klare Grenzen geben Orientierung. Der Unterschied liegt darin, wie sie gesetzt werden.
Grenzen müssen nicht laut sein.
Sie müssen nicht einschüchtern.
Sie dürfen freundlich und gleichzeitig konsequent sein.
Immer wieder sehe ich im Training auch Menschen, die sich von ihrem Pferd herumschubsen lassen oder am Strick hinterher gezogen werden. Das ist natürlich auch nicht Sinn der Sache und kann schnell gefährlich werden. Eine gute Kinderstube mit Grunderziehung und einem Basis-Führtraining auch auf der Grundlage "wer bewegt wen" sehe ich also auch als ausgesprochen sinnvoll an. Ich denke aber nicht, dass diese Pferde äußerst dominant sind, sondern dass sie einfach noch nicht gelernt haben, was der Mensch am Strick von ihnen erwartet und durch ungünstige Konditionierungsprozesse und zu langsame oder inkonsequente Reaktionen des Menschen so reagieren, wie es für sie selbst am sinnvollsten erscheint. Da hilft nur langsames Umlernen. Je länger das unerwünschte Verhalten schon besteht, desto länger dauert es, bis sich im Pferdehirn durch Umlernen neue Nervenverbindungen gebildet haben.
Wie wirst du zu einem Leader, dem dein Pferd gerne folgt?
Leadership beginnt nicht mit einer Technik, sondern mit deiner eigenen Haltung.
Frage dich regelmäßig:
- Bin ich innerlich ruhig oder bringe ich Unruhe mit?
- Bin ich klar in meinen Signalen?
- Kann mein Pferd meine Körpersprache gut lesen?
- Reagiere ich auf Fehler mit Frust oder mit Verständnis?
- Schaffe ich einen Rahmen, in dem Lernen möglich ist?
Pferde spiegeln oft unseren emotionalen Zustand. Deshalb beginnt gute Führung immer auch bei uns selbst.
Vertrauen statt Dominanz – der Schlüssel zu einer starken Beziehung
Vertrauen ist die Grundlage jeder erfolgreichen Partnerschaft mit dem Pferd. Die Wahrscheinlichkeit, dass dein Pferd dir folgt, wird umso größer, je mehr du auf die Dinge in der Abbildung achtest. Besonders wichtig in Bezug auf das Vertrauen finde ich, dass man die Bedürfnisse des anderen wahrnimmt und nicht darüber hinweggeht.
Hat dein Pferd beispielsweise Angst, wenn du mit der Sprühflasche kommst, dann zerstörst du sein Vertrauen, wenn du sagst "da musst du durch" und trotz Gezappel sprühst. Das gibt es in menschlichen Beziehungen auch, man nennt das Invalidierung und es ist nachgewiesen, dass das Herunterspielen und nicht Wahrnehmen von Gefühlen des Gegenübers zu Beziehungsproblemen sowie auch psychischen Problemen führen kann. Nimmst du hingegen erste Ängste wahr, hälst kurz inne und zeigst deinem Pferd damit, dass du seine Bedenken siehst, hast du etwas für eure Beziehung getan. Nachdem es sich wieder entspannt hat, kannst du Schritt für Schritt weiter so vorgehen bis du dich mit der Flasche annähern kannst. Oder du kannst mit einem konditionierten Lobwort und Futterbelohnung arbeiten. Beide Methoden berücksichtigen die Lerngeschwindigkeit und Verfassung des Pferdes und stärken das Vertrauen des Pferdes in dich. Es dauert zwar länger, aber in Zukunft geht es schneller.
Was ebenfalls wichtig ist und woran ich mich selbst immer wieder erinnern muss, ist folgendes: Nicht nur dein Pferd soll dir vertrauen, sondern auch du musst deinem Pferd vertrauen. Je nach Vorgeschichte ist dieses Ziel zum Teil schwerer zu erreichen. Macht aber einen riesigen Unterschied.
Fazit: Ein guter Leader braucht keine Dominanz
Wenn wir Führung beim Pferd neu denken, verändert sich auch unsere Beziehung.
Die entscheidende Frage lautet nicht:
"Wie kann ich mein Pferd kontrollieren?"
Sondern:
"Wie kann ich zu dem Menschen werden, dem mein Pferd gern vertraut?"
Denn echte Pferdeführung entsteht nicht durch Dominanz oder Autorität.
Sie entsteht durch Vertrauen, Klarheit und Verbindung.
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